Pestizide: Neoliberales Auslaufmodell?

Der Status quo des Pestizideinsatzes ist generell unfair. Einige Gedanken über die Gründe und wie sich die Systematik der Pestizide im aktuellen wirtschaftlichen Umfeld auswirkt beschreiben wir im nachfolgenden Abriss.

Privatisierte Gewinne, sozialisierte Risiken

Neoliberalismus ist ein politischer Kampfbegriff, der in zahlreichen Kontexten zu Recht oder zu Unrecht verwendet wird. Wissenschaftlich belegt ist die Vorstellung eines unfairen Wirtschaftssystems, in welchem „wenige Reiche auf Kosten der grossen Mehrheit“ profitieren (nach Chomsky). Als Ursache dieser ungleichmässigen Bevorteilung nennt er die Privatisierung der Gewinne bei gleichzeitiger Sozialisierung der Kosten – also der „Profit auf Kosten Anderer“. Was hat das mit Pestiziden zu tun?

Landwirtschaft ist kein Profiteur

Nimmt man den Einsatz von chemischen Giftstoffen in der Landwirtschaft als Beispiel wird ziemlich schnell klar, wer zu den Profiteuren und den Opfern zählt. Profiteure sind in erster Linie nicht die Landwirte, die unter grossem wirtschaftlichem Druck ihre Produktionsmengen optimieren – im Gegenteil! Durch den wirtschaftlichen Druck zählt aus dieser Perspektive auch die Landwirtschaft zu den Opfern, da man den hohen wirtschaftlichen Ansprüchen durch den Einsatz solcher Giftstoffe begegnet.

Nutzniesser im Hintergrund

Ohne Zweifel gehören jedoch Chemiekonzerne zu den Profiteuren der heutigen Systematik – denn hier werden die Gewinne aus dem Vertrieb der Giftstoffe in den Taschen von Kader, Geschäftsleitung, Verwaltungsräten und Aktionären privatisiert: Einige Wenige können sich also bereichern. Doch was ist mit den Risiken?

Versicherung gefällig?

Wäre die Pestizid-Systematik fair und die Risiken verursachergerecht zu decken, müssten die Unternehmen und Personen, welche die Gewinne einsacken, auch für Schädigungen durch ihre Produkte haften – denn offensichtliche Schädigungspotentiale müssen bei Normalsterblichen durch entsprechende Versicherungen gedeckt werden: Siehe KFZ-Versicherung, Privathaftpflicht etc… Nur sind Chemiekonzerne scheinbar nicht normalsterblich: Für die gesundheitlichen UND biologischen Risiken, die je länger je besser bekannt sind, haftet die Allgemeinheit: Mit Krankenkassenprämien für durch Pestizide ausgelöste Erkrankungen oder mit Steuerbelastungen für biologische Korrekturmassnahmen. Wären diese Risiken (wie im Normalfall) durch die Verursacher zu tragen, wäre wohl die Systematik der Pestizide aufgrund explosiver Versicherungsprämien auch wirtschaftlich kaum mehr tragfähig.

Solange es der Bürger akzeptiert…

Dass sich eine in dieser Dimension unausgewogene Wirtschaftspraktik über einen derart langen Zeitraum halten kann, ist entweder der Unkenntnis oder der Gleichgültigkeit des Bürgers geschuldet. Kein Vorwurf: Aufgrund der Komplexität der Thematik sind solche Fehler auch nur zu erkennen, wenn man sich tiefgreifend mit der zeitintensiven Thematik befasst. Ausserdem hatte er bislang noch keine Möglichkeit, sich an der Urne klar gegen solche Praktiken auszusprechen. Mit den beiden hängigen Initiativen, die voraussichtlich 2020 zur Abstimmung kommen dürften, hat der Schweizer jedoch keine Ausrede mehr und muss sich klar zu oder gegen diese unausgewogene Wirtschaftspraxis stellen.